Selfie im Fahrstuhl des Seaside Hotels 16. Juni 2026

Auf in die Thomaskirche

Es war ein Fest, dieses Bachfest, das die ganze Stadt Leipzig zu feiern schien. Schon am Bahnhof begrüßten uns die großen Plakate. Man fühlte sich willkommen.

Ich war wieder mit dem neu gegründeten Constellation choir and orchestra auf Tour. In diesem Jahr gab es besonders viel Bach zu spielen. Und hier in Leipzig waren uns 8 Kantaten zugeteilt worden, die von vielen Bachfans auf der ganzen Welt ausgewählt worden waren. Herrliche Musik.

Im ersten Konzert in der Thomaskirche gab es unter anderem die Kantate BWV 19 „Es erhub sich ein Streit“, die zum Michaelisfest geschrieben wurde. Ich war schon im Jahr 2000 auf unserer Pilgrimage so begeistert von dieser Kantate und die Tenorarie mit dem obligaten Trompeten Choral ist eine der allerschönsten Arien und berührte auch in Leipzig alle. „Bleibt ihr Engel, bleibt bei mir. Führet mich auf beiden Seiten, dass mein Fuß nicht möge gleiten.“ Wie sehr wir doch das alle nötig haben!

Es war wieder so inspirierend, diese Musik mit Sir John Eliot Gardiner zu erarbeiten und aufzuführen. Ich kann trotz manch anderer Meinungen sagen, dass es etwas ganz Besonderes ist, mit so einem Künstler zu arbeiten. Ein Musiker, der nicht nur darauf bedacht ist, Erfolge zu feiern und natürlich auch der Beste zu sein, nein, ein Musiker, der sich auskennt, der Hintergründe zur Musik erforscht, ins Detail geht und der vor allem die Botschaft der Musik immer wieder hinterfragt und ans Licht bringt, der nicht einfach die Stelle mit dem wunderlichen Krieg in BWV 4 laut singen lässt, sondern den Kampf fast selbst auszutragen scheint, der versucht, das Höchste und Beste aus seinen Mitwirkenden zu holen. Und das immer! Eben oft auch ohne Rücksicht auf Verluste. Das kann man ihm anlasten, aber in dem Falle der Beschuldigungen vom Konzert in der Thomaskirche ist es eine Beleidigung und Unverschämtheit. Ich war ganz nah dran, ich kann aus erster Hand berichten. Und noch bevor es zu dem unschönen Vorfall kam, war ich ehrlich gesagt sehr verwundert, in welch einem für mich persönlich zu legerem Outfit die Helferin auch sehr früh die Enge des Platzes, wo sich Sir John Eliot Gardiner und die Solisten verbeugten, betrat. Alle Mitarbeiter vom Bachfest kommen in schicken Anzügen, Orchester und Chor in Konzertkleidung, obwohl nur wenige Zuhörer uns sehen können. Das fiel mir auf und es wundert mich im Nachhinein nicht, dass Sir John Eliot Gardiner diese Helferin nicht als Mitarbeiterin des Bachfestes erkannte. Wir hatten früher in Leipzig schon oft Personen, die aus dem Publikum heraus Geschenke verteilten. Ich denke da an den sogenannten Grabschänder, der immer Kerzen an Dirigenten und Solisten verteilte. Auf einer DVD von unserer Pilgrimage ist er mit Sir John Eliot Gardiner verewigt.

Die Mitarbeiterin war sicher überfordert, es gibt bei diesen Überreichungen sehr oft auf beiden Seiten unschöne Momente und Missverständnisse. Das kennt man. Aber dass sie dem Sir auf die Schulter klopfte, damit er ihr Platz machte, um den Solisten die Gabe zu überreichen, fand ich persönlich nicht sehr einfühlsam. Das Zurückgeben des Geschenkes war sehr ungeschickt von ihm, aber seine Geste erinnerte mehr an „Steck dir das an den Hut, was soll ich damit“ als an sexuellen oder kriminellen Angriff. Er trat zur Seite und fragte mich noch, was das sein soll und ich rief ihm zu, er hätte es lieber annehmen sollen, vielleicht wäre es ein neues Manuskript von Bach.

Es war unnötig, aber nun diesen Moment so überspitzt und falsch darzustellen und aufgebauscht zu kommentieren und auch noch Strafanzeige deswegen zu stellen, finde ich unverhältnismäßig und fast unverschämt. Zumal ja auch eine Entschuldigung folgte. Ist das heutzutage gar nichts mehr wert? Man muss sich auch mal vorstellen, was so ein Konzert für Energie, Konzentration, Führen des ganzen Ensembles und Vorarbeit verlangt, sodass man im Moment des wunderbar verklungenen Chorals der Kantate „Es erhub sich ein Streit“ (was für einpassender Titel!) vielleicht auch einen Moment der Besinnung und des himmlischen Nachhalls der Bachschen Musik braucht, um wieder in der heutigen Zeit anzukommen und zu „funktionieren“. Für mich sind das die bewegendsten Momente, wenn so viele Menschen zusammen kommen und diese Musik erklingt. Dann ist für kurze Zeit der Himmel auf Erden.

Will man wirklich eine solche Lapalie als Fazit des Bachfestes stehenlassen? Oder sollten nicht lieber diese wunderbaren himmlischen Konzerte, die tolle Atmosphäre in der Stadt und das friedliche Zusammensein der Bachbegeisterten aus fern und nah den Nachklang für sich beanspruchen?

Ich hoffe, dass sich der Sturm legt und Vorfälle dieser Art zwar kritisch aber mit Respekt und Würde kommentiert werden.

Foto: Selfie im Fahrstuhl des Seaside Hotels 16. Juni 2026


1 Kommentar zu „Auf in die Thomaskirche“

  1. Wie sich die Journaille wieder auf diese kleine Episode stürzt. Auch in eigentlich recht soliden Zeitungen wie der Sächsischen bekommt man den Eindruck eines riesigen Skandals, verursacht von einem bekannten Wiederholungstäter. Erst wird so eine Skandalmitteilung veröffentlicht, danach (vielleicht) recherchiert. Schön, dass eine Augenzeugin hier die Sache richtig stellt.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen